Wozu Mathematikunterricht?

Die Frage, warum man in der Schule Mathematik lernen muss, ist durchaus berechtigt. Sie ist für alle Unterrichtsinhalte in allen Fächern berechtigt!

Der bekannte Mathematiker Albrecht Beutelspacher hat drei Antworten gegeben [1]:

  1. Man braucht Mathematik offensichtlich im Alltag, etwa für Überschlagsrechnungen beim Einkaufen oder elementare Raumvorstellungen im Straßenverkehr. Unbestreitbar ist aber, dass vieles, was im Mathematikunterricht gelehrt wird, nur wenig Bezug zum Alltag der meisten Menschen hat.
  2. Mathematik trainiert die Fähigkeit, Probleme auf das Wesentliche zu reduzieren, sie dann zu lösen und schließlich die Lösung(en) auf ihre Brauchbarkeit zu überprüfen.
  3. Mathematik hilft uns, die Schönheiten der Welt zu erkennen, wenn man etwa an Symmetrie oder andere regelmäßige Muster denkt.

Ich finde diese Antworten richtig, aber nicht ausreichend, um große Teile der Unterrichtsinhalte ab Klasse 9 zu rechtfertigen. Mir fehlt ein wichtiges Argument:

In unserer Gesellschaft wird praktisch alles „mathematisiert“. Angefangen von Naturgesetzen, die durch mathematische Formeln ausgedrückt werden, über wissenschaftliche Studien, die statistisch ausgewertet werden und möglicherweise Grundlage für politische Entscheidungen sind, bis hin zu betriebswirtschaftlichen Modellen, die unternehmerisches Handeln beeinflussen. Man kann diese Reihe ewig fortsetzen: Wenn man eine Versicherung abschließen will, dann wird der Preis dafür mit einem mathematischen Modell bestimmt. Die Statik von Bauwerken wird mathematisch berechnet. Ein Medikament wird nicht zugelassen, ohne dass Statistiken seinen Nutzen „beweisen“. Die Sitzverteilung im Bundestag wird natürlich auch berechnet, genauso wie die Einkommenssteuer usw.

Man muss das natürlich nicht alles bis ins Detail verstehen, um in der Welt einigermaßen zurecht zu kommen. Aber es ist der Anspruch der Schule, dass aus Kindern mündige BürgerInnen werden, die die Gesellschaft verantwortlich mit gestalten können und wollen [2]. Und dafür muss man dann eben doch die vielen mathematischen Zusammenhänge nachvollziehen können.

Speziell am Gymnasium kommt hinzu, dass in den allermeisten Studiengängen (keineswegs nur in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, sondern auch in Medizin, Psychologie, den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften u.v.a.) mathematische Kenntnisse gefordert sind, für die der Mathematikunterricht in der Schule ein solides Fundament bildet.

Quellen
  1. Albrecht Beutelspachers kleines Mathematikum, 3. Auflage. München: C. H. Beck, 2010, S. 167f.
  2. Sinngemäß steht das in den Schulgesetzen aller Bundesländer. Im Schleswig-Holsteinischen Schulgesetz etwa in §4 (3). Besonders schön drückt es meiner Meinung nach das Hamburgische Schulgesetz in §2 (1) aus.
Zuletzt geändert am 04. August 2011 um 21:23 Uhr